RE8 Meinung: CO2-Neutralität trotz explodierender Preise

Zwischen dem Zustand der Rohstoffknappheit, dem Fachkräftemangel und dem Ziel, eine CO2-neutrale Immobilienwirtschaft in München bis 2035 zu erreichen, herrscht ein starker Konflikt. Welche Ansätze sieht die Branche, um diesem Konflikt entgegenzuwirken?

1. Rohstoffknappheit und die damit einhergehenden Baupreissteigerungen 

Die sich immer weiter zuspitzende Knappheit an Rohstoffen und die damit einhergehenden Lieferengpässe ziehen sich rund um den Globus. Die Globalisierung und die damit verbundenen Folgen werden spürbar.

Die aktuelle Lage:

Gegenwärtig melden bereits über 80 % der Unternehmen in Deutschland Preisanstiege und/oder Lieferprobleme bei Rohstoffen und Waren, insbesondere in der Bau- und Immobilienbranche. Baustoffe werden knapp, Preise explodieren, werden unkalkulierbar und die Lieferzeiten immer länger. Preise werden nur noch auf Tagesbasis angeboten.

Die Baustoffpreise für Kupfermatten haben sich im Vergleich zum Vorjahr um ca. 67 % gesteigert, Betonstahl um ca. 30 % und Roheisen um ca. 24 %. Seit vergangenem Herbst wird zudem eine alarmierende Preissteigerung bei Trinkwasserrohren und weißen Dämmstoffen mit ca. 70 % sichtbar. Eine Ursache für den signifikanten Preisanstieg ist der hohe Export an Rohstoffen nach Amerika zur Realisierung des Infrastrukturprogramms sowie an China zum Bau der Seidenstraße.

Geschäftsführer und Experten von führenden Logistik- und Baustoffhandelsgeschäften sehen eine Entspannung der Rohstoffverknappung und der Preissteigerung erst zum Ende des Jahres bzw. erst in den nächsten 12 Monaten.

 

2. Fachkräftemangel in der Baubranche 

Eine neue Erhebung des Ifo-Instituts zeigt auf, dass neben den Materialengpässen auf den Baustellen auch der Fachkräftemangel ein immer stärker wachsendes Problem der Bauwirtschaft ist.

Die Situation in Deutschland:

Sowohl im Hochbau als auch im Tiefbau beklagen sich die Betriebe über die Auswahl an geeigneten Fachkräften, im Hochbau zeigen 33,5 % der Betriebe Probleme bei der Suche nach kompetentem Personal auf, in der Tiefbaubranche sind es 27,9 % der deutschen Betriebe.

Die Altersstruktur vieler Belegschaften ist nicht ausgeglichen, es gibt zu wenig Nachwuchskräfte. Diese Situation verschärft die Lage in der Baubranche.

 

Zum einen bedingt sich der immer mehr spürbar werdende Fachkräftemangel durch die demographische Entwicklung. Nachwuchskräfte sind rar. Neben dem demographischen Aspekt spielt das zu geringe gesellschaftliche Ansehen des Handwerks und einer Ausbildung im Allgemeinen eine große Rolle. Junge Menschen bevorzugen es zu studieren oder entscheiden sich oftmals für einen Ausbildungsberuf in einem Büro. Trotz einer attraktiven Ausbildungsvergütung in der Baubranche ist beispielsweise der Beruf des Maurers zum Teil noch negativ behaftet, wodurch das gesellschaftliche Ansehen in der breiten Masse nicht mehr gegeben ist. Die Prognose an Nachwuchskräften wird angesichts dessen als weniger optimistisch eingestuft.

 

 

[© Rattankun Thongbun – iStock.com]

 

3. Das Ziel der CO2-Neutralität und die Stadt München als Vorreiter 

Klar ist: mittelfristig lassen sich Spitzenrenditen nur noch mit nachhaltigen Immobilienobjekten auf dem Markt erzielen. Eine ressourcenschonende Bauweise und ein klimaschonendes Energiekonzept sind dabei Grundvoraussetzung.Es wird was getan bzw. in die richtige Richtung gedacht, die Kommunen, die Bau- und Immobilienverbände (ZIA, HDB, IVH, VDIV) bereiten Denkanstöße und deren Umsetzung für eine CO2-neutrale Immobilienwirtschaft vor. Das Ziel ist dabei, den erhöhten Preisen für Baustoffe und Energie sowie den steigenden Zinsen positiv mit Hilfe von Förderungen und Forderungen der Verbände zur entschiedenen Beseitigung von Hürden entgegenzuwirken.

 

Das Ziel der Landeshauptstadt München

und des Referats für Klima- und Umweltschutz, bis 2035 klimaneutral zu werden, ist ambitioniert. Ein zentraler Hebel hierfür ist die Umsetzung einer kommunalen Wärmestrategie. Das heißt, München soll die erste deutsche Großstadt werden, die Gebäude ohne Heizöl und Erdgas beheizt und darüber hinaus Heizkosten sozial verträglich macht.

Hinzu kommt eine Mobilitätswende hin zu emissionsfreien und platzsparenden Mobilitätslösungen. Ziel ist, Gebäudeeigentümer und Unternehmen zur Sanierung und die Gesellschaft zum Umstieg auf erneuerbare Energien und zu einer klimaneutralen Mobilität zu bewegen.

 

Durch das Förderprogramm klimaneutrale Gebäude (FKG) sollen 128 Millionen Euro bis 2025 an Eigentümer und Unternehmen zur Ermöglichung einer anspruchsvollen Gebäudesanierung gehen.

In dem Förderprogramm werden Energiestandards im Neubau (Effizienzhaus 40 oder das zertifizierte Passivhaus für den gebundenen und freifinanzierten Wohnungsbau) gefördert, ebenso wie Energiestandards im Bestand. Der Mindeststandard als Zielgröße für den Bestand nach einer Sanierung entspricht dem Effizienzhaus 55 oder dem zertifizierten Passivhaus- oder EnerPhit-Standard (etablierter Standard für die Altbaumodernisierung mit Passivhaus-Standards).

Einzelmaßnahmen an der Gebäudehülle und an der Anlagentechnik werden durch die Stadt gefördert, sobald ein Energieeffizienz-Experte ein Sanierungskonzept erstellt und die Summe aller Einzelmaßnahmen im Rahmen eines Sanierungsplans bis 2035 mindestens den Standard eines Effizienzhaus 55 erreicht.

 

RE8 Meinung
Doch Fördermittel werden nicht die alleinige Lösung hin zur CO2-Neutralität sein. Immer mehr Firmen setzen sich mit der komplexen Thematik der Sanierung und der Erreichung einer CO2-neutralen Gebäudesubstanz auseinander.

Für einige Experten könnte eine in modulweise gefertigte energetische zweite Hülle, die an das Bestandsgebäude angebracht wird, die Lösung sein. Das Ziel ist es, Mehrfamilienhäuser in erhöhter Geschwindigkeit zu sanieren. Dabei wird eine neuartige Gebäudehülle wie eine zweite Haut an das Gebäude angebracht.

Händische Installationen werden durch eine neue Gebäudehülle, die zu einem Großteil in einer Fabrik gefertigt wird, ersetzt. Fassaden- und Dachelemente sind bereits kostengünstiger in der Hülle integriert. Ebenso sind Fenster, Lüftung und Heizung bereits in das Modul aufgenommen und werden nicht mehr händisch montiert. Eine der Technologien dahinter ist ein 3D-Scan zur Konfiguration der Hülle von innen und außen. Zudem kann durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz die CO2-Einsparung gemessen werden.

Die Benefits an der hochintelligenten Modulbauweise sind eine energieeffiziente Hülle, mehr Wohnraum durch Aufstockungen, nachträgliche Anbringung von Balkonen und ein reduzierter Energiebedarf durch den Einsatz von erneuerbaren Energien (z. B. eine Photovoltaikanlage auf dem Dach, versorgt Wohnung/Haus mit Energie und Warmwasser). Hierzu sollte allerdings die Recyclingfähigkeit der Modulbauweise noch näher betrachtet werden.

 

[© Atiwat Studio – iStock.com]

 

Abschließend kann festgehalten werden, dass Baupreise weiterhin unkalkulierbar sind und eine Entspannung in naher Zukunft nicht absehbar ist. Das strukturelle Problem des Fachkräftemangels bleibt auch weiterhin ohne zielführenden Lösungsansatz und wird sich tendenziell eher verschärfen.  Zudem können die Klimaziele im Hinblick auf die zeitliche Zielsetzung mit einer konventionellen Bauweise nicht erreicht werden. Daher muss die Lösung eine andere sein. Eine Modulbauweise als innovativer Ansatz müsste daher stärker gefördert und gefordert werden. Hier sollten seitens der Bundes- und Landespolitik Rahmenbedingungen jenseits der KFW Förderprogramme entwickelt werden, um Anreize für eine effizientere Sanierung zu schaffen.

Neben der Entwicklung zur angestrebten CO2-Neutralität unterliegen auch die Lebensentwürfe und das gesellschaftliche Leben einer starken Veränderung, wir leben länger, wir werden relativ gesund altern und wir haben weniger Kinder. An dieser Stelle braucht es innovative und flächeneffiziente Wohnkonzepte. In unserem nächsten Artikel werden hierzu neue Konzepte vorgestellt.
Bei allen Fragestellungen rund um Ihre Immobilie stehen Ihnen die Expertinnen und Experten der RE8 mit interdisziplinären Lösungsansätzen gerne zur Verfügung.

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Quellen:
Aktuelle Rohstoffknappheit hat mehrere Ursachen – IHK Darmstadt
Rohstoffknappheit 2021: Ursachen und Folgen | Living Water (living-water.eu)
Holzpreis explodiert: Warum Baustoffe immer teurer werden | mex – YouTube
Umfrage: Fachkräftemangel auf deutschen Baustellen verschärft sich (handelsblatt.com)
Zur Sache Pin: Warum will keiner mehr Handwerker werden? – YouTube
Gemeinsames_Papier_Zehn_Schritte_für_400.000.pdf (ivd.net)
Förderprogramme für energieeffizientes Bauen und saubere Mobilität – muenchen.de – Das offizielle Stadtportal muenchen.de
Massiver Zinsanstieg: Hintergründe und Auswirkungen – AIZ | Das Immobilienmagazin

 

 

 

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